Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 747 f.

Ziegenzucht. Die Z. ist in den Kolonien vor allem unter den Eingeborenen verbreitet. Wie die Ziege in Deutschland die "Kuh des kleinen Mannes" ist, so ist auch die afrikanische Ziege das Haustier für den Kleinbetrieb und ganz besonders dem Hackbau des Negers angepaßt. Während aber bei jene r die Milchleistung ganz in den Vordergrund tritt, ist es bei dieser die Fleischproduktion. Das Fleisch der Ziegen wird von den Eingeborenen mehr geschätzt als das der Schafe. Bei manchen Stämmen werden die Böcke kastriert, um besseres Fleisch zu erzielen. Hierzu kommt die größere Anspruchslosigkeit der Ziegen für Futter und ihre größere Widerstandsfähigkeit gegen Seuchen. In Deutsch-Südwestafrika betrug der Bestand gewöhnlicher Ziegen am 1. April 1913: 485 401, von denen 235 103 im Besitz von Eingeborenen waren. Am verbreitetsten ist die Ziegenzucht unter den Bastards im Bezirk Rehoboth. Zur Verbesserung der einheimischen Ziegen, von denen besonders die Namaziege auch wegen ihrer Milchleistung bekannt ist, sind Saanenziegen und Toggenburger Ziegen eingeführt. Immer mehr an Ausdehnung gewinnt in der Mitte und dem südlichen Teil des Schutzgebietes die Zucht der Angoraziege (s.d.), deren Haarkleid das Mohair (s.d.) liefert. Verschiedene Importe von wertvollen Zuchttieren, u. a. aus der Hilton Barberschen Zucht im Cradock - Distrikt, sind aus der Kapkolonie erfolgt. Der heutige Bestand an Angoraziegen beziffert sich auf über 30 000 Stück. Am meisten ist die Zucht in den Bezirken Rehoboth, Gibeon, Windhuk, Maltahöhe und Keetmanshoop verbreitet, wo die Farmgesellschaft Brauß - Mahn & Co. große Angoraziegenherden besitzt. In Deutsch-Ostafrika ist die Ziege unter den Eingeborenen weitverbreitet, besonders reich an Ziegen sind die Bezirke Wilhelmstal, Pangani, Langenburg, Songea, Mpwapwa, Tabora, Muansa, Schirati - Kilimatinde, Ruanda und Urundi. Am häufigsten kommt eine kleine Ziege, Capra aegagrus africanus, vor, die oft kaum halb so groß wie die europäischen Rassen ist. Zur Hebung der Z. ist von Bombay und Maskat her durch Araber und Indier die Mamberziege eingeführt, die im Gegensatz zu den afrikanischen Rassen besonders der Milch wegen gehalten wird. Auch sind Versuche gemacht, durch europäische Rassen aus Deutschland (Harzer Ziege) und Italien und Kreuzung mit den afrikanischen die Leistungen dieser zu verbessern. Die in Kwai mit der Zucht von Angoraziegen gemachten Versuche sind fehlgeschlagen. In Kamerun kommt die afrikanische Ziege in mehreren Varietäten vor und ist auch im Waldlande und an der Küste vertreten. Die Ziegenzucht ist hauptsächlich bei den Heidenstämmen verbreitet, die Fulbe (s.d.) und Haussa (s.d.) züchten nur wenige aber leistungsfähigere Ziegen, die sog. Bornuziegen. Am meisten wird Z. in Nordadamaua und den Tsadseeländern betrieben. Versuche, die heimischen Ziegen durch Aufkreuzung mit eingeführten Allgäuer Ziegen zu verbessern, wurden auf der Sennerei Buea jahrelang angestellt, 1906 aber endgültig aufgegeben, weil das feuchte Klima für Kleinviehzucht ungeeignet ist. In Togo kommt die Ziege über das ganze Land verbreitet vor, ist jedoch an der Küste und in Tsetsegegenden nur schwach vertreten. Es wird daselbst die meist schwarzoder braunfarbige Zwergziege gehalten, während in Nordtogo und im Voltagebiet eine mittelgroße und eine große Rasse, die Salagaziege, gehalten werden, die sich durch große Fruchtbarkeit auszeichnen. Unter den Eingeborenenstämmen findet ein reger Handel mit Ziegen statt, ebenso eine Ausfuhr nach dem Goldküstengebiet. Zur Aufbesserung der Z. wurden Ziegen aus Las Palmas und Saanenziegen eingeführt. In die Schutzgebiete der Südsee sind Ziegen durch Europäer aus Asien und Australien eingeführt und haben sich dort meistens gut akklimatisiert. In Kiautschou ist Z. ziemlich belanglos, von Europäern und Chinesen werden in Tsingtau vereinzelt Ziegen für die Milcherzeugung gehalten.

Neumann.