Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 768 ff.

Zuckerrohr. 1. Geschichtliches, Produktionsgebiete. 2. Botanisches. 3. Kultur. 4. Wichtigste Krankheiten und Schädlinge. 5. Zucker. 6. Anbau in den deutschen Kolonien.

1. Geschichtliches, Produktionsgebiete. Das Z. (s. Tafel 208), Saccharum officinarum L. (Fam. d. Gramineen) ist in der Kultur über die Tropen und vielfach auch die Subtropen beider Hemisphären verbreitet; häufig verwildert, jedoch wild nirgends festgestellt. Heimat wahrscheinlich Indien; möglicherweise stammt das Z. von dem dort verbreiteten wilden Hochgrase S. spontaneum ab. In Europa (Griechenland) wurde das Z. durch den Zug Alexanders d. Gr. bekannt. (Geschichtliches bei Krueger.) Das Z. liefert neben der Zuckerrübe den für den Haushalt des Menschen unentbehrlichen Rohrzucker. Hauptproduktionsgebiete: Indien, Java, Westindien, Südamerika, Japan, Philippinen, Australien, Sandwichinseln, Mauritius usw. (Statistische Übersichten bis 1898 bei Krueger; für die Jahre 1907-10 "Tropenpflanzer" 1912, 99; im übrigen s. die unten aufgeführten Zeitschriften.)

2. Botanisches. Das Z. bildet bis 6 m hohe, knotig gegliederte, 3-5 cm dicke Halme, die aus einem verzweigten und ebenfalls gegliederten Wurzelstock entspringen (Abb. der Pflanze und ihrer Teile bei Krueger und van der Stok). Länge der Glieder je nach Varietät verschieden; das vom obersten Knoten abgeschlossene Glied ist 90-120 cm lang. Die an den Knoten entspringenden Blätter umfassen mit ihrem Grunde scheidenförmig den Halm und bilden eine förmliche Krone; in den Achseln der unteren Blätter treten Verzweigungen des Halms und Nebenwurzeln auf, die senkrecht in den Boden eindringen. Hierdurch erfolgt die Bestockung des Z. Der Halm ist - je nach Varietät (s. u.) - grün, gelblichgrün, gelb, gelblichweiß, rot, bläulich oder violett gefärbt, oft auch mit farbigen Längsstreifungen versehen; die Färbung wird häufig durch den feinen Wachsüberzug der Glieder beeinflußt. Das zarte Grundgewebe im Innern des Halms ist die Stätte der Bildung und Speicherung des Zuckers (s.u.). Aufrechter Wuchs für die Zuckerbildung günstig. Die Spitze des Halms trägt den Blütenstand, eine pyramidenförmige, aus 45-60 cm langen, wiederum verzweigten Seitenästen zusammengesetzte Rispe; an den Seitenästen sitzen an einblütigen Ährchen die zwitterigen Blüten. Häufig bleiben die Blüten (durch Degeneration der Staubfäden, seltener der weiblichen Geschlechtsorgane) unfruchtbar; bei einigen Varietäten entfalten sich die meisten Blüten überhaupt nicht, bei anderen kommt die Blütenstandrispe nicht zur Entfaltung, bei wieder anderen wird sie gar nicht gebildet. Klima und Bodenbeschaffenheit sind von großem Einfluß auf das Blühen des Rohrs (Näheres bei Krueger, van der Stok). Das Z. bildet zahlreiche, aber wenig beständige Varietäten, Zucht- und Standortformen; unter ungünstigen Klima- und Bodenverhältnissen oder Kulturbedingungen artet es sehr leicht aus, und auch anderwärts vorzüglich bewährte Varietäten können unter nicht zusagenden Bedingungen völlig versagen. Äußerlich unterscheiden sich die Varietäten durch Färbung des Halms (s.o.), Länge und Dicke der Stengelglieder, Knotenbildung, Behaarung des Stengels, Form, Anordnung, Farbe und Behaarung der Blätter, Beschaffenheit des Blütenstandes und der Blüte, Bestockung usw., innerlich durch Reifezeit und Zuckergehalt (s.u.). Die außerordentliche Variabilität der Formen bei ihrer Abhängigkeit von außeren Faktoren macht eine einheitliche Gruppierung unmöglich. Von besonderer praktischer Bedeutung ist die Tatsache, daß unter gleichen Standorts- und Kulturbedingungen ein bestimmter Zusammenhang zwischen dem durchschnittlichen Gewicht des Rohres, seiner Bestockung und seinem Rohrzuckergehalt besteht und zwar dergestalt, daß mit dem höheren absoluten Gewicht der Sorten eine stärkere Bestockung, ein Steigen des Rohrzucker- und Fallen des Glukosegehalts (s.u.) einhergehen (vgl. Kobus, van der Stok).

3. Kultur. Die erwähnte Entartung ("Abbau") der Zuckerrohrsorten ist vielleicht auf die seit Jahrhunderten - betriebene ungeschlechtliche ("vegetative") Fortpflanzung zurückzuführen; der Rückgang im Rohrertrag und Zuckergehalt zeigt sich in neuen Anbaugebieten irgendeiner Sorte oft schon bei der ersten Ernte" manchmal erst nach zwei oder mehr Jahren. In solchen Fällen hat man zunächst zu einer mehr oder weniger regelmäßigen Neueinführung von Saatgut aus solchen Gegenden zu greifen, wo die Bedingungen für Aufrechterhaltung des praktischen Wertes der betreffenden Sorte günstig liegen. Planmäßige Züchtung von Z.-Sorten aus Samen wird neuerdings in allen bedeutenderen Produktionsgebieten, vornehmlich von den Versuchsstationen, betrieben (Näheres bei van der Stok). Bei Einführung der Z.- Kultur in neu zu erschließenden Produktionsgebieten beginne man niemals nur. mit einer oder wenigen Sorten, sondern baue von Anfang an vergleichsweise eine größere Anzahl von Varietäten en, von denen die unbefriedigenden später auszuscheiden sind. Anbau(vgl. Krueger, Semler, Fesca). Z. stellt an Wärme und Luftfeuchtigkeit höhere Ansprüche. Eine mittlere Jahrestemperatur von 24-26 °C mit möglichst geringfügigen Tagesschwankungen (Seeklima) sagt ihm besonders zu. Lufttrockenheit und Kälte sind schädlich. Es liebt Böden von mittlerem Feuchtigkeitsgehalt, frei von stagnierendem Grundwasser; mittlere, milde, tiefgründige Lehm- und gut durchlüftete Alluvialböden gelten als besonders geeignet. Entwässerung in feuchten Lagen und Bewässerung bei ungenügenden Regenfällen sind von großer Bedeutung. Durch geeignete Meliorationen und Düngung können auch die schwersten Böden (u.a. strenge Tonböden auf Java), durch Bewässerung auch leichte Böden für: den Z.-Anbau erschlossen werden. Über Melioration und Bodenbearbeitung vgl. Krueger. Gründliche und tiefe Lockerung ist erforderlich; der Boden soll möglichst lange in rauher Furche liegen. Die Düngung des Z. hat sich von Fall zu Fall nach dem Nährstoffgehalt des Bodens, nach Art der Kultur und der Fruchtfolge zu richten. (Näheres über Düngungsbedürfnis und Art der Düngung bei Krueger, Fesca.) Von Wichtigkeit ist die Verwendung der Ernte- und Fabrikationsrückstände für die Düngung der Felder. Fortpflanzung vorwiegend durch Stecklinge, seltener durch Samen. Das Z. wird entweder einjährig oder mehrjährig (bis zu 5jähriger Dauer) kultiviert. Einjähriger Anbau ist vorteilhafter, weil der Zuckergehalt im Nachwuchs abnimmt, und letzterer weniger widerstandsfähig gegen Krankheiten ist. Anzucht der Stecklinge soll auf besonderen Feldern geschehen, um Entartung zu vermeiden; am besten wählt man dazu höhere Lagen (300-1000 m). Die Auswahl des Stecklingsmaterials hat mit besonderer Sorgfalt zu geschehen (Krueger), u.a. ist auf den Zuckergehalt und die Reinheit des Saftes der Mutterrüben zu achten. Die Auspflanzung des "Stecklingsrohrs" hat etwa 1/2 Jahr vor der Bestellung der "Fabrikrohr"- Felder zu erfolgen. Letzteres wird auf Java vorwiegend in Lagen bis zu 300 in Mh. angebaut. -Pflanzzeit je nach Witterungs- und Wasser- (Irrigations-) Verhältnissen des betreffenden Anbaugebiets, nach der Vorfrucht (s.u.) und nach Vegetationsdauer der Sorte (s.u.). Auspflanzen der Stecklinge erfolgt am besten in Pflanzgräben, entweder einreihig oder zweireihig. -Pflanzweite richtet sich nach Anbaumethode, Varietät, Klima und Boden, soll aber möglichst eng gewählt werden: Reihenabstand bei einreihiger Anlage 1 bis 1,2 m, bei zweireihiger 1,75 m, Pflanzenabstand in der Reihe 16-20 bzw. 8-10 cm. Die Stecklinge werden horizontal, mit den Augen zur Seite gerichtet, eingelegt. Im Anfang sind häufiges Jäten und Hacken, bei unzureichendem Regenfall auch Bewässerung (Gießen) erforderlich, nach dem Schossen Anhäufeln. Vertrocknete Blätter und überflüssige Seitentriebe sind zu entfernen; Lagerung des Z, und Einnistung schädlicher Tiere ist zu verhüten. - Die Vegetationsdauer des Z. schwankt je nach Standort, Klima, Witterung, Boden und Düngung zwischen 8 und 24 Monaten, selbst bei einer und derselben Varietät zwischen relativ weiten Grenzen. - Ernte soll erfolgen, sobald der höchste Zuckergehalt und die größte Reinheit des Saftes erreicht sind. Beide verändern sich alsdann wieder zu ungunsten der Zuckergewinnung; besonders schnell ist der Rückgang bei grünen und gelben Sorten. Ein sicheres äußeres Kennzeichen für die eingetretene Schnittreife gibt es nicht; einigen Anhalt gewährt Gelbfärbung der Blätter und bei roten und violetten Sorten auch der Stengel. Man muß daher durch regelmäßige Probeentnahme und Feststellung des Zuckergehalts und des Reinheitsquotienten den geeigneten Erntetermin ermitteln. Bei perennierender Kultur wird das Rohr geschnitten, bei einjähriger aber samt den Wurzeln ausgehoben. Unzweckmäßiges Beschneiden an Spitze und Basis führt zu erheblichen Zuckerverlusten. Spitzen und grüne Blätter dienen als Viehfutter, trockene Blätter und Wurzeln sind alsbald auf, dem Felde zu verbrennen, um Verbreitung von Schädlingen und Krankheiten zu verhindern. Das Rohr muß seiner geringen Haltbarkeit wegen sofort nach der Ernte verarbeitet werden. - Erträge je nach Varietät, Klima, Boden, Düngung und Kultur sehr wechselnd, in subtropischen Gebieten geringer als in den Tropen. Auf Java gelten 880 dz mit etwa 100 dz (= 11,4 %) Zucker pro Hektar als gute Mittelernte; in Japan sind die Erträge kaum halb so hoch. Als Maximalerträge überhaupt können 1400-1600 dz pro Hektar, mit 10-11 % Zucker angesehen werden. - Fruchtfolge: Auch wo man das Z. alljährlich neu anpflanzt, läßt man es häufig einige Jahre hindurch auf sich selbst folgen. Fruchtwechsel ist indessen vorzuziehen. Beliebte Rotationen sind z. B. auf Java: 1. Z., 2. eine Knollen- oder Hülsenfrucht, 3. Reis, 4. Z. oder auch einmalige Wiederkehr des Z. in 5 oder 6gliedrigem Turnus mit den genannten Früchten. Im letzten Falle würde das Z. alle 3 Jahre dasselbe Feld besetzen. In Louisiana, bei perennierender Kultur, wird das Rohr 3 Jahre im Boden belassen, im 4. werden Mais und Vigna in Mischkultur gebracht und im 5. wiederum Z. Über Kosten und Rentabilität von Z.- Pflanzungen vgl. Krueger.

4. Wichtigste Krankheiten und Schädlinge. Bei weitem die gefährlichste aller Krankheiten des Z., die "Sereh"-Krankheit (Näheres bei Wakker, Krueger) hat gegen Ende des vorigen Jahrhunderts auf Java ungeheuren Schaden verursacht. Erreger noch unbekannt. Bekämpfung indirekt auf Grund der denkwürdigen Arbeiten von Kobus durch Gewinnung (Chemische Selektion) und Verwendung widerstandsfähigen Stecklingsmaterials, das im Gebirge herangezogen wird. (Die aus Stecklingen zuckerreichen Rohrs gezogenen Nachkommen sind widerstandsfähiger gegen Sereh als die Nachkommen zuckerarmer Pflanzen.) Tierische Schädlinge: Verschiedene Käfer, deren Larven Bohrgänge in das Rohr fressen, so z.B. Apogonia, destructor, Oryctes rhinoceros, Xyleborus perforans; als "Bohrer" par excellence werden die Raupen mehrerer Schmetterlinge bezeichnet, die sich in ähnlicher Weise betätigen, so z.B. Scirpophaga intacta, Diatraea striatalis, Graphiolitha schistaceana, Sesamia nonagrioides; ferner kommen Minierlarven, Wanzen, Cikaden, Blattläuse, Schildläuse, Heuschrecken, Älchen usw. in Betracht. (Näheres mit Abb. bei Zehntner, Kobus, Krueger.) Pflanzliche Parasiten (Pilze): Ustilago Sacchari (Staubbrand), Colletotrichum falcatum (Rotrotz), Thielaviopsis ethaceticus ("Ananaskrankheit"), Marasmius Sacchari (Wurzelstockkrankheit), Uromyces Kühnii (Rost), Cercospora Köpkei (Rotfleckenkrankheit der Blätter), C. Sacchari (Augenfleckenkrankheit der Blätter) usw. (Beschreibungen nebst Abb. bei Krueger). - Aus den deutschen Schutzgebieten sind beachtenswerte Krankheiten des Z. bisher nicht bekannt geworden.

5. Zucker. Das Z. enthält durchschnittlich 12 % Faser und 88 % Seit. Der Gehalt des Z. an Rohrzucker (Saccharose) wechselt je nach Varietät, Boden, Klima, Witterung und Düngung zwischen 8 und 20 %. Den Prozentgehalt der Trockensubstanz des Saftes an Rohrzucker bezeichnet man als "Reinheit" des Saftes; diese soll in gutem Saft über 90% betragen. Alle übrigen, im Saft gelösten Stoffe werden summarisch "Nichtzucker" genannt. Hierzu gehören vor allem der Traubenzucker (Glukose) und Eiweißstoffe; ersterer ist zu 1/4 bis 2 % im Rohr enthalten; je weniger davon vorhanden ist, um so besser, 49 er nicht kristallisierbar ist und leicht die Umsetzung eines Teils des Rohrzuckers in Invertzucker (s. Zucker) hervorruft. Glukose und Eiweißstoffe erschweren die Kristallisation des Rohrzuckers. Über die Prinzipien der Saftgewinnung und Zuckerfabrikation vgl. Fesca.

6. Anbau in den deutschen Kolonien. In kleinerem Maßstabe findet sich die Kultur des Z. bei den Eingeborenen in sämtlichen tropischen Schutzgebieten, wobei es fast ausschließlich als Leckerei in Nebenkultur -angebaut wird. Nur im Küstenlande von Deutsch-Ostafrika haben Araber größere Pflanzungen in Betrieb, und sie stellen daselbst mit rohem Verfahren braunen (unreinen) Melassezucker und Zuckersirup dar, der in afrikanische Nachbargebiete und nach Arabien ausgeführt wird (Näheres und ältere Statistik bis 1907 bei Stuhlmann). Die mit Z. bebaute Fläche betrug im Jahre 1913 rund 140 ha, die Ausfuhr von Zucker im Jahre 1912 rund 2800 kg, diejenige von, Sirup und Melasse im gleichen Jahre rund 63000 kg. Europäerpflanzungen früheren Datums in Deutsch-Ostafrika haben wegen unzweckmäßiger Bewirtschaftung den Betrieb wieder einstellen müssen. Kleine, Anfänge der Z.- Kultur im Plantagenbetrieb Regen sich neuerdings in Deutsch- Neuguinea. Es unterliegt keinem Zweifel, daß gewisse Teile der beiden genannten Schutzgebiete, wie auch Kameruns der Zuckerrohrkultur im Großbetrieb günstige Chancen bieten, deren Ausnutzung wohl nur noch eine Frage der Zeit ist.

Literatur: W. Krueger, Das Zuckerrohr und seine Kultur, mit besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse und Untersuchungen auf Java, Magdeburg und Wien 1899 (mit umfassender Berücksichtigung der früheren Literatur). Semler, Tropische Agrikultur, 2. Aufl., Bd. 3, Wismar 1903.
- Fesca, Der Pflanzenbau in den Tropen und Subtropen, Bd. 1, Berl. 1904.
- Stuhlmann, Beiträge zur Kulturgeschichte von Ostafrika, Berl. 1909.
- van der Stok, Zuckerrohr in Fruhwirth, Die Züchtung der landwirtschaftlichen Kulturpflanzen, Bd. V, Berl. 1912.
-S. ferner zahlreiche Aufsätze u.a. in folgenden Zeitschriften: Deutsche Zuckerindustrie, Archief voor de Java-Suikerindustrie, Indische Merkuur, Deutsches Handelsarchiv, Berichte und Nachrichten über Handel und Industrie, Tropenpflanzer und andere Zeitschriften für tropische Landwirtschaft; Krankheiten und Schädlinge betr. außer Krueger (s.o.): Wakker, De Sereh- Ziekte in Arch. voor Java- Suikerind. 1897.
-Kobus, I. Bijdragen tot de Kennis der Rietvijanden, ebenda 1894 u. folg. Jahrg.
-Ders., II. Die chemische Selektion des Zuckerrohrs in Annales du Jardin Botanique de Buitenzorg, Vol. XVIII, 1901 (s. a. Tropenpflanzer 1902 8. 97).
-Zehntner, Zahlreiche Aufsätze über Krankh. u. Schädl. des Z. in Arch. v. Java Suikerind., 1896 und folg. Jahrg.

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