Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 777 f.

Zwischenseengebiet wird der NW von Deutsch-Ostafrika, das Gebiet zwischen Victoriasee (s.d.), Kiwusee (s.d,) und Tanganjika (s.d.) genannt. Die Bezeichnung umfaßte ursprünglich auch die Teile des heutigen britischen Uganda -Protectorate, die zwischen Victoria-, Albert- und Albert- Edwardsee (s. Zentralafrikanischer Graben) liegen, da sie nach Aufbau, Klima und biogeographischen Verhältnissen dem heute deutschen Gebiet nahe verwandt sind. Eine Beschränkung der Bezeichnung Z. auf den deutschen Anteil hat sich allmählich eingebürgert. Die Grenze bilden dann die Virunga (s.d.) und der westöstliche Unterlauf des Kagera. Die Südgrenze auf dem Festland (Inseln s. Victoriasee) beginnt nahe der SW- Ecke des Victoriasees in der Landschaft Kimoani (s. Usindscha) und zieht sich von hier erst nach SSW, dann nach SW, etwa dem Oberlauf des Mlagarassi entlang, hin. Eine genauere Bestimmung ist durch die Grenze des Tonschiefer-, Quarzit- und Sandsteingebietes gegen das Granitland, das zentrale Hochland Deutsch-Ostafrikas gegeben. Deren Verlauf (s. Victoriasee und Ussuwi) ist aber bisher nicht weit südwärts über 8 1/2° s. Br. bekannt, wenn es auch nach dem petrographischen Befund so gut wie sicher ist, daß er mit den Sandsteinen des unteren Mlagarassi (s.d.) zusammenhängt. Man kann diese großenteils flach gelagerten Sedimente danach als Zwischenseenformation bezeichnen. Das Z. besteht aus den großen Landschaften Uheia, Ruanda und Urundi, wozu der größte Teil von Uha und den beiden Ussuwi, das Nordende von Usindscha (s. alle diese) kommen. Die Gesamtfläche ist etwa 98000 qkm groß, die durchschnittliche Höhe ungefähr 1800 m. Durch letztere unterscheidet sich das deutsche Z. nicht unwesentlich von dem nur 1250 m hohen britischen. Nur ersterem ist ferner der gewaltige Höhenunterschied zwischen dem W und 0 eigen (abgesehen vom Ruwenzori). Das primäre, meist kristalline Land (s. Zentralafrikanischer Graben) am Tanganjika und Kiwu erreicht im N Höhen von 2900 m (das jungvulkanische in den Virunga, s.d., weit größere) und senkt sich ostwärts auf etwa 1650 m bis zum 800 ö. L. Hier treten Brüche auf, die das Gebiet gegen das Land der Zwischenseenformation abgrenzen, das sich von hier zum Victoriasee senkt. Die Sedimente lagern hier diskordant auf dem Urgestein, was manchmal noch in tiefen Tälern angeschnitten wird. Ihr Streichen ist im allgemeinen SSW- NNO. Im 0 des Gebiets fallen die Schichten sanft, bei Bukoba (s. Tafel 21) unter 100, nach W ein, doch gibt es Abweichungen (s. Kivumba und Kassaradsi unter Victoriasee). Je weiter landeinwärts, desto steiler ist das Einfallen nach WNW, am Mohasi (s.d.) 800. Am Westrand, von Mittelkaragwe ist ganz steiles östliches Einfallen beobachtet worden, ganz im S des Z. steiles südöstliches. Diese Zwischenseenformation, in der Diabase auftreten, wird als paläozoische, terrestrische Bildung angesehen, ohne daß bisher eine Versteinerung aufgefunden werden konnte; ihr Gebiet besteht aus einer Anzahl großer, verschieden hoch liegender Schollen mit vorwiegend nordsüdlicher Erstreckung, durch Brüche und Gräben getrennt; es ist ein Stufenschollenland, zu dem noch die Bumbide- (s.d.) Inselkette sowie die Inseln südlich von ihr (s. Victoriasee) gehören. Die Richtung der Brüche ist meist die des Schichtstreichens (s.o.), nicht immer; so wird die Scholle von Karagwe (s.d.) nach 0 hin im N durch einen NNW- SSO streichenden Bruch begrenzt. Diese Richtung findet ihre Fortsetzung mitten in Ost-Ussuwi (s.d.), wird hier von Brüchen der Hauptrichtung gekreuzt. Die Zerstückelung des Landes der Zwischenseenformation in so viele Horste und Gräben ist, nach den Formen zu schließen, jung, vielleicht spättertiär. Noch jünger ist eine andere Erscheinung. Die entsprechend der Richtung der Gräben und dem Schichtenstreichen etwa südnördlich strömenden Flüsse zeigen häufig sumpf- und seeartige Erweiterungen. Es handelt sich hier nicht um Mäandrieren, nicht um eine Alterserscheinung, sondern darum, daß die Entwässerung gestaut wurde. Eine ganz junge kleine Hebung des Schollenlandes in seiner Gesamtheit im N oder eine Senkung im S muß der Grund sein. Ein Ansteigen der Fluten des Victoriasees kann kaum Einfluß auf die Erscheinung gehabt haben, liegt doch z.B. der anscheinend durch Stauung entstandene Ikimbasee (s.. Kjanja) noch 40 m über - dem Spiegel des Victoriasees. Die Grenze des Stufenschollenlandes im SO gegen das zentrale Hochland Deutsch-Ostafrikas scheint nicht von einem Bruch begleitet zu sein, sondern die Tonschiefer bilden hier wohl eine Landstufe, die ihre heutige Form der Abtragung verdankt. Wie weit südwärts über 3 1/2° s. Br. die Zwischenseenformation den Bau des Stufenschollenlandes besitzt, ist noch unbekannt. Am Tanganjika und Mlagarassi sucht man vergeblich im Landschaftsbilde nach ähnlich auffallenden gegenseitigen Abgrenzungen der Schollen. - Nach der Verteilung der Temperaturen (s. Ruanda und Victoriasee) und der Regen über das Jahr hat das Z. äquatoriales Klima. Es ist im Durchschnitt ziemlich kühl, daher abgesehen von den Gegenden unterhalb 1500 m ganz gesund; die Regenmengen nehmen im allgemeinen von 0 nach W ab, sie sind lange nicht so groß, wie man noch vor wenigen Jahren glaubte (s. die einzelnen Landschaften). ,Trotzdem tritt Steppe eigentlich nur in Karagwe (s.d.) und Mpororo (s.d.) auf. Im übrigen sind die Vegetationsformationen ziemlich hygrophil. Gebirgsbusch und Hochweiden, die heute neben dem Kulturland des dicht bevölkerten Gebietes die größten Flächen einnehmen, sind meist eine sekundäre, durch die Verwüstung immergrüner Wälder (s. Deutsch-Ostafrika 6) entstandene Formation. Das ganze Z. ist Bananenland; demnächst sind Hülsenfrüchte, Süßkartoffeln und Sorghum die wichtigsten pflanzlichen Nahrungsmittel. Abgesehen von Karagwe und einigen kleineren Flächen ist nirgends viel Wild, dagegen ist der Reichtum des Z. an Vieh berühmt (Schätzung 14 Mill. Rinder, etwa doppelt so viel Kleinvieh). Das Langhornrind (s. Rinder), das sich dort heute findet, ist erst vor etwa 400 Jahren mitden hamitischen Hirten, den Wahinda und Wahuma (s.d.) von N her (s. Unj oro) ins Land gekommen, als sie ihre Herrschaft über die einheimischen ackerbauenden Bantustämme (s. Waha, Wahutu, Warundi usw.) ausbreiteten. Bei diesen Wanderungen ist es auffallend, daß Hirtenvölker, die lange Zeit hindurch in den viel tiefer liegenden, verhältnismäßig flachen Gebieten im Norden gelebt hatten, ohne ersichtlichen Zwang samt ihren Herden in das hohe, gebirgige und zum Teil recht kühle Land eindrangen. Die aus den Wanderungen entstehenden, sehr eigenartigen politischen und sozialen Verhältnisse sind ein besonderes Merkmal des ganzen Z. Die Bevölkerung ist hier viel stärker als irgendwo sonst in Deutsch- Ostafrika; doch sind die nahezu 4 Mill. (s. Bukoba, Ruanda, Uha, Urundi) nur eine rohe, doch wohl etwas hoch gegriffene Schätzung. Das Z. war bisher schwer zugänglich, auch dem Handel nur in beschränktem Umfang eröffnet, weil die dichte, ziemlich friedfertige Bevölkerung an Fremde aller Art zu wenig gewohnt war. Jetzt wird die Erschließung des Z. durch eine Eisenbahn geplant, die von der Zentralbahn (s. Eisenbahnen I b) bei Tabora abzweigend nach dem, südl. Knie des Hagera (s.d.) führen soll. Es spricht manches dafür, daß die Verbindung des letzteren Punktes mit der Westküste des Victoriasees (s.d.) vorteilhafter wäre. Sicherlich aber wird die eine Eisenbahn ebenso wie die andere einen ganz gewaltigen Aufschwung des Z. zur Folge haben.

Literatur: s. Kagera, Ruanda, Urundi, Victoriasee, Virunga, Zentralafrikanischer Graben. (R.) Herrmann Der Geolog. Aufbau des deutschen Westufers des Victoria-Nyansa, Mitt. a. d. d. Schutzgeb. XII, 1899. - Hans -Neyer, Ergebnisse einer Reise durch das Zwischenseengebiet Ostafrikas 1911, ebenda, Erg.-H. 6, 1913. - Die nordwestlichen Gebiete Deutsch- Ostafrikas. Aus dem Reiseberichte des Gouverneurs

Dr. Schnee, KolBl. 1913. Uhlig.